PROGRAMMGRUPPE MENSCH, UMWELT, TECHNIK (MUT)
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Projekt

Bewertung der wissenschaftlichen Literatur zu den Risikopotenzialen von hochfrequenten elektromagnetischen Feldern des Mobilfunks

Die Programmgruppe Mensch Umwelt Technik (MUT) des Forschungszentrums Jülich hat vom September 2003 bis zum April 2005 einen wissenschaftlichen Dialog durchgeführt. Ziel war es, für den Bereich "Mobilfunk und Gesundheit" ein Dialogverfahren zur transparenten Risikobewertung zu entwickeln.

Als Gutachter oder Berater konnten 25 Fachexperten aus Deutschland und der Schweiz gewonnen werden, die sich durch eigene Forschungsarbeiten ausgewiesen hatten. Die Auswahl der Experten durch die Jülicher Programmgruppe sollte sicherstellen, dass das Spektrum unterschiedlicher Expertenmeinungen zu jeder Fragestellung vertreten war. Sechs Themenfelder standen im Mittelpunkt des Risikodialogs:

(1) Genotoxische (erbgutschädigende) Effekte durch hochfrequente elektromagnetische Felder,
(2) tierexperimentelle Studien zu Krebs,
(3) epidemiologische Studien zu Krebs,
(4) Auswirkungen auf das zentrale Nervensystem sowie auf kognitive Funktionen und Schlaf,
(5) Befindlichkeitsstörungen und
(6) Auswirkungen auf die Blut-Hirn-Schranke.

Zu jedem dieser Themen wählten mindestens zwei Experten, die selbst auf dem betreffenden Gebiet forschen, die wichtigsten Studien aus und bewerteten deren Ergebnisse. Betrachtet wurden Forschungsarbeiten aus den Jahren 2000 bis 2004. Für jedes Themenfeld wurde ein Workshop mit den Gutachtern und weiteren beratenden Fachleuten durchgeführt. Abschließend diskutiert wurden die Ergebnisse auf einem gemeinsamen Workshop.

Hiermit liegt nun eine Bewertung zu sechs wichtigen Themenfeldern im Bereich "Mobilfunk und Gesundheit" vor. Diese Bewertung beruht auf einem breiten Expertenwissen und macht ihre Bewertungsregeln klar und deutlich. Nur eine solche transparente und ausgewogene Darstellung bietet die Voraussetzung dafür, dass sich auch Nicht-Experten ein eigenes risikomündiges Urteil bilden können.

Die Ergebnisse

Die Ergebnisse des Dialogs betreffen zum einen Verfahrensfragen, zum anderen beziehen sie sich auf Ergebnisse dieser Verfahren, d.h. auf Bewertungen.

Zuerst zu den Verfahren, die MUT für die Risikobewertung weiterentwickelt hat. Dazu gehören die Anlage eines Risikodialogs sowie Instrumente zur Charakterisierung der Bewertungen von Studien.

Die wichtigste Neuerung ist dabei das sogenannte Evidenzschema, das eine transparente Zusammenfassung der Argumentation der Experten bietet. Denn nach wie vor ist die Zusammenfassung von Einzelstudien zu einer Gesamtbewertung von deren Interpretationen abhängig. Es ist auch nicht verwunderlich, dass hierbei subjektive Bewertungsmaßstäbe einfließen, da es keine eindeutigen Regeln dafür gibt, wie in Anlage und Ausführung sehr unterschiedliche Studien mit zum Teil widersprüchlichen Ergebnissen zu einem Gesamtbild zusammenzufassen sind.

Für diese Schwachstelle der Risikobewertung hat MUT das Evidenzschema entwickelt, mit dem die wesentlichsten Argumente für sowie gegen einen Risikoverdacht, die Schlussfolgerungen der Gutachter und die verbleibenden Unsicherheiten besser nachvollzogen werden können.

Inhaltlich konnten durch das Dialogverfahren in einigen Bereichen Klärungen erzielt werden. In anderen Bereichen bleiben Widersprüche und Unklarheiten bestehen, die Forschungsbedarf anzeigen. So geben - nach Einschätzung der Gutachter - die vorliegenden Studien keinen Hinweis darauf, dass hochfrequente elektromagnetische Felder des Mobilfunks in Tierversuchen Krebs verursachen oder das Krebswachstum fördern. Auch die Untersuchungen zur Blut-Hirn-Schranke finden keine Hinweise auf Effekte durch elektromagnetische Felder des Mobilfunks.

Weiterhin stellen die Gutachter fest, dass die experimentell gefundenen Wirkungen des Mobilfunks auf das zentrale Nervensystem ohne erkennbare Nachteile für die Gesundheit sind. Gleiches gilt für die Hinweise auf Erbgut-Schäden. Da daraus keine Schädigung der Zellen resultierte, kann nach Meinung der Gutachter aus den Ergebnissen keine Gefährdung der Gesundheit abgeleitet werden.

Für die meisten Befindlichkeitsstörungen - ausgenommen ist der Kopfschmerz - ist die Befundlage aus Sicht der Gutachter so schwach, dass eine Bewertung kaum möglich ist. Allerdings deuten aus ihrer Sicht die wenigen vorhandenen Untersuchungsergebnisse nicht auf einen Zusammenhang mit HF EMF Exposition hin. Zwar sehen die Gutachter einen Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Kopfschmerz und Handynutzung. Es bleibt jedoch unsicher, ob damit tatsächlich ein Zusammenhang zwischen elektromagnetischen Feldern und Kopfschmerz vorliegt, Ursache könnte auch bloßer Telefonstress sein.

Die Frage einer besonderen Empfindlichkeit (Elektrosensibilität) von Personen gegenüber den EMF des Mobilfunks konnte nicht abschließend geklärt werden. Zwar finden sich in den Untersuchungen keine Befunde, die für eine solche besondere Empfindlichkeit sprechen, sie kann aber auch nicht sicher ausgeschlossen werden. Aus dem gleichen Grund kann auch nicht beurteilt werden, ob sich bei kranken Personen möglicherweise Wirkungen ergeben können.

Die Befunde der epidemiologischen Untersuchungen zu Krebs sind zum Teil widersprüchlich. Deshalb kommen die Gutachter zu unterschiedlichen Bewertungen: Einerseits zu der Einschätzung, dass ein krebsfördernder Effekt eher nicht zu erwarten ist, andererseits zu dem Urteil, dass es einen vagen Anfangsverdacht gibt. Die Wissenschaftler waren sich aber einig, dass nach wenigen Jahren der Handynutzung noch keine erhöhten Tumorrisiken zu erwarten sind.

Insgesamt erhärtet sich im Hinblick auf die sechs untersuchten Bereiche die Hypothese nicht, dass EMF des Mobilfunks gesundheitsschädliche Wirkungen haben.

Projektbericht:

Teil 1: Darstellung und Diskussion der Themenfelder

Teil 2: Gutachten
  1. Gminski, Schlatterer, Fitzner, Simkó: Genotoxische Effekte durch hochfrequente elektromagnetische Felder
  2. Dasenbrock, Lerchl: Tierexperimentelle Studien - Krebs
  3. Blettner, Jöckel, Stang: Epidemiologie Krebs
  4. Achermann, Regel: Auswirkungen von Mobilfunkfeldern auf das Zentralnervensystem im Wach- und Schlafzustand
  5. Ullsperger: Auswirkungen von Mobilfunkfeldern auf das Zentralnervensystem im Wach- und Schlafzustand
  6. Seitz, Stinner, Eikmann: Befindlichkeitsstörungen
  7. Röösli: Befindlichkeitsstörungen
  8. Hossmann, Stögbauer: Blut-Hirn-Schranke

Projekt
Forschungszentrum Jülich Impressum Programmgruppe Mensch, Umwelt, Technik (MUT)

English Version

23.03.2010
Gisela Degen