Risikobewertung
im wissenschaftlichen Dialog
Diskussionsschwerpunkte des 2. Workshops am 26.9.01 in
Hannover
Gegenstand
des Workshops war die Einschätzung und Diskussion
möglicher Wirkungen hochfrequenter elektromagnetischer
Felder des Mobilfunks auf kognitive Funktionen sowie
auf den Schlaf und auf Gehirnaktivitäten (EEG).
Teilnehmer
waren die vier Verfasser der Gutachten: Prof. Dr. Glaser
(Humboldt Universität Berlin), Hr. Küppers
(Öko-Institut Darmstadt), Dr. Neitzke (Ecolog Institut
Hannover) und Prof. Dr. Silny (RWTH Aachen). Als beratende
Experten waren für das Themenfeld "kogniti-ve
Funktionen" Prof. Dr. Birbaumer (Universität
Tübingen) und für das Themenfeld "Schlaf
/ EEG" Dr. Lüdemann (Universitätsklinikum
Münster) hinzugezogen worden. Als Moderatoren nahmen
von der Programmgruppe Mensch, Umwelt, Technik (MUT)
des Forschungszentrums Jülich teil: Hr. Schütz
, Fr. Thalmann und Dr. Wiedemann.
Themenfeld
kognitive Funktionen
Alle vier Gutachten stimmen darin überein, dass
kognitive Funktionen ein wichtiger Indikator für
mögliche gesundheitsschädliche oder -beeinträchtigende
Effekte hochfrequenter EMF sind.
Wegen
der unterschiedlichen Methodik wurden im Workshop (wie
auch in einigen der Gutachten) Untersuchungen am Menschen
zunächst getrennt von Experimenten mit Tieren behandelt.
Darüber hinaus kommt Untersuchungen am Menschen
eine größere Aussagekraft für die Einschätzung
von Gesundheitsrisiken zu; auch deshalb müssen
die Ergebnisse beider Untersuchungsbereiche getrennt
betrachtet und gewichtet werden.
Kognitive
Funktionen - Untersuchungen am Menschen
In den vier Gutachten wurden hierzu insgesamt sechs
Arbeiten berücksichtigt (siehe Tabelle 1). Im Workshop
wurden vor allem die Arbeiten von Preece et al. (1999)
sowie Koivisto (2000a) diskutiert. Beide Arbeiten untersuchen
in Experimenten den Einfluss elektromagnetischer Felder
auf Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Reaktionsgeschwindigkeit
und andere psychologisch interessante Parameter bei
Frequenzen und Feldstärken, wie sie für GSM
Handys typisch sind.
Tabelle
1: Berücksichtigte Arbeiten zu kognitiven Leistungen
(Mensch)
| |
Glaser
|
Ecolog
|
Öko-Institut
|
Silny |
| Preece
et al. (1999) |
ja |
ja |
ja |
ja |
|
Koivisto et al. (2000a) |
ja |
nein |
ja |
ja |
| Koivisto
et al. (2000b) |
ja |
nein |
nein |
nein |
| Gehlen
et al. (1996) |
nein |
nein |
nein |
ja |
| Preece
et al. (1998)(a) |
nein |
nein |
ja |
nein |
| Crasson
et al. (1999)(a) |
nein |
nein |
ja |
nein |
Anmerkung:
(a) Untersuchung zu niederfrequenten Feldern
In
der Workshop-Diskussion standen die folgenden Fragen
im Vordergrund:
- Wie
ist die gesundheitliche Relevanz der in den Untersuchungen
gefundenen Effekte einzuschätzen?
- Wie
belastbar sind die Ergebnisse, solange es noch keine
Replikationen der Untersuchungen gibt?
- Wie
schwerwiegend sind methodische Mängel der genannten
Studien, hier vor allem das Problem der fehlenden
Placebo-Effekt Kontrolle?
Kognitive
Funktionen - Tierexperimente
Die Gutachter stimmen darin überein, dass Tierexperimente
ebenfalls dazu beitragen können, Aufschluss über
einen möglichen Einfluss hochfrequenter elektromagnetischer
Felder auf die kognitive Leistungsfähigkeit auch
von Menschen zu geben.
Zu
diesem Thema wurden in den Gutachten siebzehn Arbeiten
aufgeführt (siehe Tabelle 2). In diesen Untersuchungen
wurde vor allem an Ratten und zum Teil auch an Affen
geprüft, ob hochfrequente elektromagnetische Felder
die kognitive Leistungsfähigkeit der Tiere beeinträchtigen.
Tabelle
2: Berücksichtigte Arbeiten zu kognitiven Leistungen
(Tier)
| |
Glaser(1)
|
Ecolog
|
Öko-Institut
|
Silny |
| Lai
et al. (1994) |
ja |
ja |
ja |
ja |
| Lai
et al. (1989a) |
ja |
ja |
nein |
ja |
| Lai
et al. (1989b) |
ja |
ja |
ja |
nein |
| Wang
& Lai (2000) |
ja |
ja |
ja |
nein |
| D'Andrea
(1999) |
ja |
ja |
nein |
nein |
| Mickley
& Cobb (1998) |
ja |
ja |
nein |
nein |
| Mickley
et al. (1994) |
ja |
ja |
nein |
nein |
| Mitchell
et al. (1988) |
ja |
nein |
nein |
ja |
| Raslear
et al. (1993) |
ja |
ja |
nein |
nein |
| Sienkiewicz
et al. (2000) |
ja |
nein |
ja |
nein |
| Brown
et al. (1994) |
ja |
nein |
nein |
nein |
| Chou
et al. (1992) |
ja |
nein |
nein |
nein |
| D'Andrea
(1986a) |
nein |
nein |
nein |
ja |
| D'Andrea
(1986b) |
nein |
nein |
nein |
ja |
| King
et al. (1971) |
ja |
nein |
nein |
nein |
| Lai
(1996) |
nein |
nein |
ja |
nein |
| Sienkiewicz
et al. (1996) |
nein |
nein |
ja |
nein |
Anmerkung:
(1) Glaser listet neben den hier wiedergegebenen
Arbeiten noch eine Reihe tierexperimenteller Untersuchungen
auf, die mit hohen Feldstärken (weit über den
gültigen Grenzwerten) durchgeführt wurden und
die deshalb an dieser Stelle nicht aufgeführt werden.
Folgende
Punkte standen im Mittelpunkt der Diskussionen zu diesem
Thema:
- Das
Problem der Vergleichbarkeit der Studien, da eine
Reihe von Untersuchungen mit hohen Feldstärken
(weit oberhalb der Grenzwerte) durchgeführt wurden,
während andere geringere Feldstärken nutzten;
- die
Plausibilität der Übertragbarkeit der Untersuchungsergebnisse
bei Tieren auf den Menschen;
- die
Bewertung der gesundheitlichen Relevanz der in den
Untersuchungen gefundenen Effekte.
Themenfeld
Schlaf / EEG
Für dieses Themenfeld wurde unterschieden zwischen
Untersuchungen zum Schlafverhalten, die meist mit Hilfe
von EEG-Messungen durchgeführt wurden, und Untersuchungen,
in denen EEG-Messungen an wachen Personen vorgenommen
wurden. Die Bedeutung eines gesunden Schlafs für
die menschliche Gesundheit, insbesondere für die
Regulierung des Immunsystems und der Stoffwechselfunktionen,
wurde von allen Gutachtern betont.
Schlafverhalten
/ Schlaf-EEG
Die experimentellen Untersuchungen zu einem möglichen
Einfluss hochfrequenter elektromagnetischer Felder des
Mobilfunks auf den menschlichen Schlaf werden vor allem
mit Hilfe der Elektroenzephalographie (EEG) untersucht.
Zum Teil wird zusätzlich auch mit Hilfe von Fragebögen
o.ä. die subjektive Einschätzung der Schlafqualität
erhoben.
In
den vier Gutachten werden zu diesem Thema insgesamt
sieben Arbeiten berücksichtigt (siehe Tabelle 3).
Das Ecolog-Gutachten verweist darüber hinaus noch
auf verschiedene Untersuchungen an Tieren, von denen
allerdings nur in der Studie von Vorobyov et al. (1997)
Expositionsbedingungen realisiert wurden, die denen
des Mobilfunks entsprechen.
Im
Workshop selbst wurden vor allem die Arbeiten der Mainzer
Arbeitsgruppe (Mann & Röschke 1996; Mann et
al. 1998; Wagner et al. 1998) und der Züricher
Arbeitsgruppe (Borbély et al. 1999) diskutiert.
Diese Arbeiten sind im wesentlichen in allen Gutachten
berücksich-tigt worden.
Tabelle
3: Berücksichtigte Arbeiten zu Schlafverhalten /
Schlaf-EEG
| |
Glaser
|
Ecolog
|
Öko-Institut
|
Silny |
| Mann
& Röscke (1996) |
ja |
ja |
ja |
ja |
| Wagner
et al. (1998) |
ja |
ja |
ja |
ja |
| Borbély
et al. (1999) |
ja |
ja |
ja |
ja |
| Mann
et al. (1998) |
ja |
ja |
nein |
nein |
| Fritzer
et al. (2000) |
nein |
nein |
nein |
ja |
| Graham
& Cook (1999)(a) |
nein |
nein |
ja |
nein |
| Vorobyov
et al. (1997)(b) |
nein |
ja |
nein |
nein |
Anmerkung:
(a) Untersuchung zu niederfrequenten Feldern
(60 Hz)
(b) Untersuchung an Ratten
In
der Diskussion zu diesem Themenbereich ging es in erster
Linie um die folgenden Punkte:
- Die
Einschätzung der Ergebnisse von Mann & Röschke
(1996), die eine statistisch signifikante Veränderung
des Schlaf-EEGs unter EMF Einfluss gefunden hatten,
sowie der Nachfolgestudie von Mann et al. (1998) bzw.
Wagner et al. (1998), in der ein solcher Einfluss
nicht gefunden wurde;
- die
Bewertung der gesundheitlichen Relevanz der in den
Untersuchungen gefundenen Effekte im Zusammenhang
mit neurophysiologischen Prozessen.
Wach-EEG
In einer Reihe von Experimenten wurden EEG-Messungen
zur Erfassung von Gehirnaktivitäten auch bei wachen
Personen eingesetzt, zum Teil auch zusammen mit anderen
Messinstrumenten wie psychologischen Tests. In den vier
Gutachten werden zu diesem Thema insgesamt acht Arbeiten
berücksichtigt (siehe Tabelle 4).
Tabelle
4: Berücksichtigte Arbeiten zu Wach-EEG
| |
Glaser
|
Ecolog
|
Öko-Institut
|
Silny |
| Röschke
& Mann (1997) |
ja |
ja |
ja |
ja |
| Freude
et al. (1998) |
ja |
ja |
nein |
ja |
| Von
Klitzing (1995) |
nein |
ja |
ja |
ja |
| Eulitz
et al. (1998) |
ja |
nein |
nein |
ja |
| Freude
et al. (2000) |
ja |
nein |
nein |
ja |
| Gehlen
et al. (1996) |
nein |
nein |
ja |
ja |
| Krause
et al. (2000) |
ja |
nein |
nein |
ja |
| Reiser
et al. (1995) |
nein |
ja |
ja |
nein |
Anmerkung:
(1) erwähnt, aber nicht in die Bewertung
einbezogen
Diskutiert
wurden in diesem Zusammenhang vor allem die Arbeiten
von Röschke & Mann (1997) sowie der Berliner
Forschungsgruppe (Freude et al. 1998; 2000) und der
finnischen Forschungsgruppe (Krause et al. 2000).
Zentrale
Diskussionspunkte bei diesem Themenfeld waren:
- Die
Eignung des Wach-EEGs als Untersuchungsinstrument
für den Nachweis einer ursächlichen Wirkung
hochfrequenter elektromagnetischer Felder auf die
Gehirnaktivität. Hier wurde betont, dass das
EEG als Messinstrument für die Untersuchung des
Einflusses hochfrequenter elektromagnetischer Felder
auf Gehirnaktivitäten im Wachzustand wenig geeignet
ist, da es zu sensibel auf Veränderungen der
Hirnaktivität reagiert und eine Zuordnung von
EEG-Veränderungen zur Wirkung spezifischer Stimuli
kaum möglich ist.
- Die
Interpretation der Untersuchungsergebnisse von Röschke
& Mann (1997), speziell der dort präsentierten
Grafiken zur spektralen Leistungsdichte.
- Die
Bewertung der gesundheitlichen Relevanz der in den
Untersuchungen gefundenen Effekte.
Literatur
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