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Risikobewertung im wissenschaftlichen Dialog
Diskussionsschwerpunkte des 4. Workshops am 23.1.02 in Darmstadt

Gegenstand des Workshops war die Wirkung hochfrequenter elektromagnetischer Felder des Mobilfunks auf Chromosomen-Mutation / DNA-Brüche und Zellproliferation sowie auf die Kalzium-Homöostase und auf Stress-Hormone. Teilnehmer waren die vier Verfasser der T-Mobil-Gutachten: Prof. Dr. Glaser (Humboldt Universität Berlin), Hr. Küppers (Öko-Institut Darmstadt), Dr. Neitzke (Ecolog Institut Hannover) und Prof. Dr. Silny (RWTH Aachen).

Beratende Experten waren für das Themenfeld "Kalzium-Homöostase, Stress-Hormone" Prof. Dr. Stalla (Max-Planck-Institut für Psychiatrie München, AG Klinische Neuroendokrinologie) und für das Themenfeld "Chromosomen-Mutation / DNA-Brüche, Zellproliferation" Dr. Görlitz (Fraunhofer-Institut Hannover). Als Moderatoren nahmen von der Programmgruppe Mensch, Umwelt, Technik (MUT) des Forschungszentrums Jülich teil: Hr. Schütz , Fr. Thalmann und Dr. Wiedemann.

Themenfeld Kalzium-Homöostase und Stress-Hormone
Aus organisatorischen Gründen wurden die beiden Themen Kalzium-Homöostase und StressHormone zu einem Themenfeld zusammengefasst. Da sie inhaltlich aber ganz unterschiedliche Phänomene sind, wurden die beiden Teilthemen dann im Workshop nacheinander und getrennt diskutiert.

Kalzium-Homöostase
Die Kalzium-Homöostase, also die Aufrechterhaltung einer gleichmäßigen Kalziumkonzentration in der Zelle, ist für die Regulierung zellulärer Prozesse von großer Bedeutung. Sollten Zellaktivitäten durch hochfrequente EMF beeinflusst werden, so ist zu erwarten, dass sich dies auch auf die Kalzium-Homöostase auswirkt. Insofern können Untersuchungen zu diesem Thema Aufschluss über die biologische Wirksamkeit hochfrequenter EMF geben.

Insgesamt wurden in den vier Gutachten 21 Arbeiten zu diesem Thema berücksichtigt. Wie Tabelle 1 zeigt, werden dabei allerdings sehr unterschiedliche Arbeiten herangezogen. So gibt es keine Untersuchung, die in allen vier Gutachten zitiert wird.

Tabelle 1: Berücksichtigte Arbeiten zu Kalzium-Homöostase
  Glaser Ecolog Öko-Institut Silny
Bawin, Kaczmarek & Adey (1975) ja ja nein nein
Blackman et al. (1979) ja ja nein nein
Dutta et al. (1984) ja ja nein ja
Merritt & Shelton (1982) ja nein nein ja
Wolke et al. (1996) nein ja ja nein
Adey & Bawin (1982) (4) nein nein nein ja
Adey (1980) ja nein nein nein
Adey et al. (1982) nein nein ja nein
Bawin, Adey & Sabbot (1978) (1) ja nein nein nein
Blackman et al. (1980) ja nein nein nein
Blackman et al. (1982) (1) nein nein ja nein
Blackman et al. (1985) (1) nein nein ja nein
Blackman et al. (1988) (1) nein nein ja nein
Dutta, Gosh & Blackman (1989) (2) ja ja nein nein
Galvanovski et al. (1999) (1) nein nein ja nein
Kittel et al. (1996) (3) nein nein nein ja
Lindström et al. (1993) (1) nein nein ja nein
Liu-Liu & Adey (1982) nein ja nein nein
Meyer, Gollnick & Wolke (1995) nein nein ja nein
Shelton & Merritt (1981) nein nein nein ja
Somosy, Thuroczy & Kovacs (1993) nein ja nein nein

Anmerkung:
(1) Untersuchungen mit niederfrequenten Feldern
(2) Untersuchung mit 147 MHz Feldern
(3) keine Angaben zur untersuchten Frequenz
(4) Review Artikel

In der Workshop-Diskussion standen die folgenden Themen im Vordergrund:

  • Die Beurteilung des wissenschaftlichen Erkenntnisstands zur Wirkung von elektromagnetischen Feldern auf die Kalzium-Homöostase (dabei wurde die Notwendigkeit der Unterscheidung zwischen hoch- vs. niederfrequenten Feldern betont).
  • Die methodischen Probleme bei der Untersuchung der Beeinflussung der Kalzium-Homöostase durch elektromagnetische Felder.
  • Die gesundheitliche Relevanz einer möglichen Störung der Kalzium-Homöostase.

Stress-Hormone
Zu diesem Thema werden in den vier Gutachten unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt. Während Glaser und Ecolog in ihren Gutachten Arbeiten zur Wirkung hochfrequenter EMF auf den Haushalt verschiedener Hormone behandeln, bezieht sich das Öko-Insitut ausschließlich auf Untersuchungen zu Melatonin. Silny berücksichtigt neben Melatonin vor allem Arbeiten, die die Wirkung von EMF auf Neurotransmitter untersucht haben.

Betrachtet werden dabei sowohl Untersuchungen am Menschen wie an Tieren; hierzu werden elf Arbeiten in den Gutachten behandelt, die in Tabelle 2 wiedergegeben sind.

Tabelle 2: Berücksichtigte Arbeiten zu Streß-Hormonen
  Glaser Ecolog Öko-Institut Silny(1)
Mann, Wagner, Brun et al. (1998) ja ja nein ja
Chou et al. (1992) ja ja nein nein
De Seze (1998) ja ja nein nein
De Seze et al. (1999) ja nein ja nein
Heikkinen (1999) ja ja nein nein
Toler (1988) ja ja nein nein
Vollrath et al. (1997) nein ja ja nein
Imaida (1998a) nein ja nein nein
Imaida (1998b) nein ja nein nein
Reiter et al. (1998) (2) nein nein ja nein
Rosen, Barber & Lyle (1998) (2) nein nein ja nein

Anmerkung:
(1) Silny hat darüber hinaus noch eine Reihe von Untersuchungen berücksichtigt, die sich auf die Wirkung von EMF auf Neurotransmitter beziehen. Diese sind in der Tabelle nicht aufgeführt.
(2) Untersuchung mit niederfrequenten Feldern

Folgende Punkte standen im Mittelpunkt der Diskussionen zu diesem Thema:

  • Die methodische Qualität der vorhandenen wissenschaftlichen Untersuchungen und weiterer Forschungsbedarf.
  • Die Aussagekraft von Studien mit niederfrequenten Feldern und solchen, in denen hochfrequente Felder benutzt wurden.
  • Die hohe Sensibilität aber geringe Spezifität von Stresshormonen, d.h. Stresshormone reagieren empfindlich auf (externe) Stimuli, es ist aber schwer, diese Reaktion einem bestimmten Stimulus kausal zuzuschreiben.

Themenfeld Chromosomen-Mutation / DNA-Brüche und Zellproliferation
In der Diskussion wurden vier spezifische Aspekte dieses Themenfeldes unterschieden: DNA-Brüche, Induktion von Mikrokernen, Chromosomenaberrationen und Zellproliferation. Dabei kommt nach einhelliger Einschätzung der Diskussionsteilnehmer vor allem der Induktion von Mikrokernen und der Chromosomenaberrationen besondere Bedeutung für die Abschätzung möglicher gesundheitsrelevanter Wirkungen hochfrequenter elektromagnetischer Felder zu, da Schäden hier in somatischen Zellen und Keimbahnzellen vererbt werden könnten. Demgegenüber kommt vor allem Untersuchungen zu DNA-Brüchen eine geringe Bedeutung zu, da diese äußerst empfindlich und fehleranfällig sind, und der menschliche Körper über effiziente Reperaturmechanismen bei DNA-Brüchen verfügt.

Insgesamt wurden zu dem gesamten Themenfeld in den vier Gutachten 61 Arbeiten berücksichtigt, die in Tabelle 3 aufgeführt sind.

Tabelle 3: Berücksichtigte Arbeiten zu Chromosomen-Mutation / DNA-Brüche und Zellproliferation
  Glaser Ecolog Öko-Institut Silny
Lai & Singh (1995) ja ja ja ja
Maes et al. (1993) ja ja ja ja
Maes et al. (1995) ja ja ja ja
Maes et al. (1997) ja ja ja ja
Stagg et al. (1997) ja ja ja ja
Kwee & Rasmark (1998) ja nein ja ja
Lai & Singh (1996) nein ja ja ja
Malyapa et al. (1997a) ja ja ja nein
Malyapa et al. (1997b) ja ja ja nein
Phillips et al. (1998) ja ja ja nein
Sarkar et al. (1994) ja ja nein ja
Vijayalaxmi et al. (1997a) ja ja nein ja
Antonopoulos et al. (1997) ja ja nein nein
Balode (1996) nein ja ja nein
Beechey et al. (1986) nein ja nein ja
Byus et al. (1988) nein nein ja ja
Ciaravino et al. (1991) nein ja nein ja
Cleary et al. (1990a) ja ja nein nein
Cleary et al. (1990b) nein ja nein ja
Cleary et al. (1996a) ja ja nein nein
Cleary et al. (1996b) ja ja nein nein
Hamnerius et al. (1985) ja ja nein nein
Lai & Singh (1997) ja ja nein nein
Litovitz et al. (1993) nein nein ja ja
Maes et al. (1996) nein ja nein ja
Malyapa et al. (1998) nein ja nein ja
Manikowska-Czerska et al. (1985) nein ja nein ja
van Dorp et al. (1998) ja ja nein nein
Velizarov et al. (1999) ja ja nein nein
Vijayalaxmi et al. (1997b) ja ja nein nein
Anderstam et al. (1983) nein ja nein nein
Banerjee et al. (1983) nein ja nein nein
Chagnaud et al. (1999) nein ja nein nein
Ciaravino et al. (1987) nein ja nein nein
d'Ambrosio et al. (1995) nein ja nein nein
Donellan et al. (1997) ja nein nein nein
French et al. (1997) ja nein nein nein
Fucic et al. (1992) nein ja nein nein
Garaj-Vrhovac (1990) nein ja nein nein
Garaj-Vrhovac (1991) nein ja nein nein
Garaj-Vrhovac (1992) nein ja nein nein
Garaj-Vrhovac (1999) nein nein ja nein
Garson et al. (1991) nein ja nein nein
Gos et al. (1997) nein nein ja nein
Grospietsch et al. (1995) nein ja nein nein
Kerbacher et al. (1990) nein ja nein nein
Lloyd et al. (1984) nein ja nein nein
Lloyd et al. (1986) nein ja nein nein
Manikowska et al. (1979) nein ja nein nein
Meltz et al. (1987) nein ja nein nein
Pazmany et al. (1990) nein ja nein nein
Penafiel et al. (1997) nein nein nein ja
Sagripanti & Swicord (1986) nein ja nein nein
Sagripanti et al. (1987) nein ja nein nein
Saunders et al. (1988) nein ja nein nein
Scarfi et al. (1996) nein ja nein nein
Varma & Traboulay (1997) nein ja nein nein
Vijayalaxmi et al. (1999) ja nein nein nein
Vijayalaxmi et al. (2000) ja nein nein nein
Yao (1978) nein ja nein nein
Yao (1982) nein ja nein nein

Folgende Themen standen bei der Workshop-Diskussion im Vordergrund:

  • Methodische Probleme von Untersuchungen zur Induktion von Strangbrüchen, insbesondere deren hohe Empfindlichkeit und Fehleranfälligkeit.
  • Das Problem der Übertragbarkeit der Ergebnisse von Untersuchungen an Zellkulturen auf den Menschen, da Zellkulturen ein sehr vereinfachtes Modell sind.
  • Die Frage, inwieweit gefundene Effekte auf thermische Wirkungen zurückgeführt werden können.

Literatur


ProjektAufgabenGutachtenErgebnisse
Forschungszentrum Jülich Impressum Programmgruppe Mensch, Umwelt, Technik (MUT)   23.03.2010
Gisela Degen