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Risikobewertung des Mobilfunks. Erfahrungen und Schlussfolgerungen aus einem wissenschaftlichen Dialog*

Peter M. Wiedemann1 und Holger Schütz

Hintergrund
Im Frühsommer 2001 übernahm die Programmgruppe Mensch, Umwelt, Technik (MUT) des Forschungszentrums Jülich einen Auftrag des Mobilfunkunternehmens T-Mobile: Die Organisation eines Dialogprozesses. Zuvor hatte T-Mobile vier Gutachten vergeben, die den wissenschaftlichen Kenntnisstand über mögliche Gesundheitsrisiken des Mobilfunks bewerten sollten. Diese Gutachten wurden vom Ecolog Institut (Hannover), von Prof. Glaser (Humboldt Universität Berlin), vom Öko-Institut (Darmstadt/Freiburg) sowie von Prof. Silny (RWTH Aachen) verfasst.2 (Siehe dazu auch EMF Monitor 2001). Die Aufträge zu den Gutachten wurden zwischen Oktober 1999 und April 2000 erteilt. Ende 2000 lag das letzte Gutachten vor.

Aufgabe der Gutachter war, die wissenschaftliche Literatur im Hinblick auf Untersuchungsergebnisse, die für die Bewertung möglicher Gesundheitsgefährdungen durch Mobilfunkfelder von Bedeutung sind, zu sichten und daraus die ca. 100 wichtigsten Arbeiten auszuwählen. Dabei sollten besonders Untersuchungen zu gesundheitsrelevanten Effekten auf Mensch und Tier sowie zu Effekten auf zellulärer Ebene berücksichtigt werden. Abschließend sollte eine Einschätzung der gesundheitlichen Risiken von Mobilfunkfeldern auf den Menschen gegeben werden.

Ergebnisse der Gutachten
Alle vier Gutachten kommen zu der Einschätzung, dass es einen Nachweis für gesundheitliche Risiken durch hochfrequente elektromagnetische Felder unterhalb der derzeit geltenden Grenzwerte nicht gibt. Sie kommen aber zu unterschiedlichen Einschätzungen in bezug auf Hinweise, die es für mögliche Gesundheitsrisiken gibt.

Die stärksten Hinweise auf Gesundheitsrisiken werden in dem Gutachten des Ecolog-Instituts gesehen, wobei vor allem auf Forschungsergebnisse zur Krebsentwicklung, zu Schwächungen des Immunsystems sowie zu Einflüssen auf das zentrale Nervensystem und auf kognitive Funktionen verwiesen wird. Entsprechend dieser Risikoeinschätzung fordert das Ecolog-Institut einen Vorsorgegrenzwert von 0.01 W/m2 für Mobilfunkbasisstationen. Für das Öko-Institut ergeben sich aus den Untersuchungen zu verschiedenen Endpunkten ebenfalls Hinweise auf Wirkung hochfrequenter elektromagnetischer Felder auf den Menschen, es hält es aber nicht für gerechtfertigt, Vorsorgewerte festzulegen. Allerdings ist es nach Ansicht des Öko-Instituts trotzdem angebracht, bei Expositionen mit hochfrequenten elektromagnetischen Feldern Vorsicht walten zu lassen. Prof. Glaser kommt zu der Einschätzung, dass es einige wenige Befunde gibt, die für Effekte hochfrequenter elektromagnetischer Felder auf den Menschen sprechen. Diese müssen zwar noch in unabhängigen Studien reproduziert werden, sind aber trotzdem ernstzunehmen, da sie auf bislang unbekannte biophysikalische Wirkmechanismen hindeuten. Eine gesundheitliche Relevanz dieser Effekte sieht er allerdings nicht. Er sieht deshalb auch keinen Anlass für eine Veränderung der geltenden Grenzwerte. Prof. Silny kommt zu der Einschätzung, dass es keine wissenschaftlich belastbaren Hinweise auf Gesundheitsrisiken durch elektromagnetische Felder des Mobilfunks unterhalb der Grenzwerte gibt. Er sieht deshalb auf der Basis des derzeitigen Erkenntnisstandes keinen Anlass, die geltenden Grenzwerte zu ändern.

Der Dialogprozess
Der Dialogprozess begann - alle Vorbereitungen eingerechnet - im März 2001 und endete im September 2002. Ziel des Dialogs war es, transparent zu machen, welche Konsense und welche Dissense zwischen den vier Gutachten bestehen und worin diese begründet sind. Die Gutachter sollten die wissenschaftlichen Belege, die sie für ihre Risikobewertung als wesentlich erachten, aufzeigen. In fairer Auseinandersetzung sollte geprüft werden, ob die Argumente der jeweiligen Risikobewertungen nachvollziehbar und wissenschaftlich belastbar sind. Ziel war es somit auch, transparent zu machen, wie die unterschiedlichen Schlussfolgerungen der Gutachter zustande kommen.


Abbildung 1: Vorgehen im wissenschaftlichen Dialog
Abbildung 1 zeigt, dass im Dialog drei Eingrenzungen vorgenommen wurden. Erstens hatten die Gutachter aus der gesamten Literatur die wichtigsten hundert Arbeiten auszuwählen. Die zweite Eingrenzung erfolgte zu Beginn des wissenschaftlichen Dialogs: Die vier Gutachter bestimmten die Themenfelder, die sie in den Workshops diskutieren wollten, aus der Gesamtmenge der in den Gutachten behandelten Themen. Dabei konzentrierte sich die Diskussion in den Workshops auf bestimmte Schlüsselarbeiten.

Für die Diskussion der gesundheitsrelevanten Wirkungen hochfrequenter elektro-magnetischer Felder wurden die folgenden Themenfelder ausgewählt:
Chromosomen-Mutation und -Aberration, DNA-Brüche und Zellproliferation sowie Kalzium-Signalsystem und Stress-Hormone;
Tierexperimentelle und epidemiologische Untersuchungen zur Krebsentstehung;
Gehirnfunktion/EEG, Schlafverhalten und kognitive Fähigkeiten.

Ausgehend von den Ergebnissen der wesentlichen wissenschaftlichen Studien zu den jeweiligen Themenfeldern diskutierten die Gutachter zusammen mit den beratenden Experten ihre Risikobewertungen. Für jedes Themenfeld ließen sich dabei einige zentrale Argumente identifizieren, die für (Pro-Argumente) bzw. gegen (Kont-ra-Argumente) ein Gesundheitsrisiko durch Mobilfunkfelder sprechen. Mit diesen Pro- und Kontra-Argumenten lässt sich das wissenschaftliche Gesamtbild zusammenfassen, um zu einer Risikocharakterisierung zu kommen.

Ergebnisse
Schon bei der Auswahl der einhundert wichtigsten Arbeiten durch die Gutachter zeigten sich erhebliche Unterschiede. In den betrachteten Themenfeldern variier-te die Übereinstimmung für die vier Gutachten zwischen 0% und 50%.
Die Beteiligten konnten sich auf Schlüsselarbeiten in den ausgewählten Themenfelder einigen.
Bei der Risikocharakterisierung konnte eine Einigung auf die relevanten Pro- und Kontra-Argumente erreicht werden.
Bestehen blieben die Unterschiede bei der Risikobewertung, die sich schon in den Gutachten gezeigt hatten.
Wesentliche Ursachen für die Differenzen zwischen den Gutachtern sind: (1) die angelegten Maßstäbe für das Einbeziehen oder Verwerfen wissenschaftlicher Befunde; (2) die Maßstäbe, nach denen das wissenschaftliche Gesamtbild zusammengefasst wird; und (3) das Ausmaß und die Qualität der Evidenz, die für einen wissenschaftlich begründeten Risikoverdacht für erforderlich gehalten werden.

Schlussfolgerungen
Aus unserer Sicht sprechen die Erfahrungen mit dem Dialogprozess dafür, die Risikoabschätzung im Bereich des Mobilfunks wie folgt zu strukturieren (siehe Abbildung 2).


Abbildung 2: Ablauf der Risikobewertung
Es ist Sorge zu tragen, dass bei einer Risikoabschätzung das Spektrum unterschiedlicher wissenschaftlicher Positionen vertreten ist (Stufe 1). Zur besseren Transparenz des in der Gruppe vorhandenen Expertenwissens sollten Expertenprofile erstellt und öffentlich zugänglich gemacht werden. Das heißt, jeder Experte sollte angeben, über welche wissenschaftlichen Kernkompetenzen er oder sie verfügt.
Zu Beginn einer Risikoabschätzung sind Untersuchungsziele und Untersuchungs-rahmen zu bestimmen (Stufe 2). Geklärt werden müssen auch die zentralen Begriffe, mit denen die Befundlage charakterisiert werden soll. Für die Verwendung von Begriffen wie Nachweis, Verdacht, Hinweis, Adversität etc. muss Einigkeit über operationale Definitionen erzielt werden.
Es muss eine einheitliche Konzeption für die Auswahl und Bewertung der wissenschaftlichen Literatur sowie für die Erstellung des wissenschaftlichen Gesamtbildes entwickelt werden (Stufe 3).
Für die Risikobewertung von Mobilfunkfeldern müssen Forschungsergebnisse aus zahlreichen, sehr unterschiedlichen Themenfeldern begutachtet werden. Deshalb kann selbst eine Gutachtergruppe, die alle für die Risikoabschätzung wesentlichen Themenfelder umfasst, von der Hinzuziehung beratender Experten profitieren, die über Detailkenntnisse und eigene praktische Erfahrungen in den jeweiligen Forschungsgebieten verfügen (Stufe 4).
Bei der Bewertung der wissenschaftlichen Studien (Stufe 5) geht es um die Fra-ge, ob die jeweilige Untersuchung einen Beleg für eine Verursachung gesund-heitsrelevanter Wirkungen auf den Menschen durch hochfrequente elektromagnetische Felder des Mobilfunks darstellt oder nicht. Für diese Bewertung sind die folgenden Kriterien bedeutsam: Gute Laborpraxis, Absicherung gegen Zufallsbefunde, Begründung des Kausalzusammenhangs (d.h. können andere Variablen als Erklärung für den gefundenen Zusammenhang mit hinreichender Sicherheit ausgeschlossen werden?), Sensitivität und Spezifität der benutzten Untersuchungsmethoden, Adversität der gefundenen Effekte).
Für die Erstellung des wissenschaftlichen Gesamtbildes (Stufe 6) ist wesentlich, dass alle Studien in den verschiedenen Themenfeldern und nicht nur einzelne Studien berücksichtigt werden. Der kritische Punkt ist dabei die Bewertung der Konsistenz der Befundlage bei der Erstellung des wissenschaftlichen Gesamtbildes.
Mit der Risikocharakterisierung (Stufe 7) soll eine möglichst vollständige, informative und für die Entscheidungsfindung nutzbare Gesamteinschätzung für ein Risiko gegeben werden, die auf den vorhergehenden Schritt der Risikoabschätzung aufbaut und diese zusammenfasst.

Erst im sich anschließenden Schritt der Risikobewertung, der nicht mehr allein Sache der Wissenschaft ist, weil hierbei politische Wertungen einfließen, sind Entscheidungen über die Leitprinzipien der Bewertung - etwa über die Anwendung des Vorsorgeprinzips - zu treffen. Und erst dann kann über die Auswahl von angemessenen Optionen für das Risikomanagement der Zielerreichung entschieden werden.

Der ausführliche Endbericht ist hier verfügbar.


* Erschienen in http://www.ecolog-institut.de/emf-moni.htm
1 Forschungszentrum Jülich GmbH; Programmgruppe Mensch, Umwelt, Technik; 52425 Jülich; Email: p.wiedemann@fz-juelich.de
2 Als beratende Experten waren beteiligt: Prof. Birbaumer (Institut für medizinische Psychologie, Universität Tübingen), Dr. Buschmann (Fraunhofer Institut für Toxikologie und Aerosolforschung, Hannover), Dr. Görlitz (Fraunhofer Institut für Toxikologie und Aerosolforschung, Hannover), Dr. Lüdemann (Klinik und Poliklinik für Neurologie, Universitätsklinik Münster), Dr. Schüz (Institut für Medizinische Statistik und Dokumentation, Universität Mainz) und Prof. Stalla (Max Planck Institut für Psychiatrie, München).

ProjektAufgabenGutachtenErgebnisse
Forschungszentrum Jülich Impressum Programmgruppe Mensch, Umwelt, Technik (MUT)   23.03.2010
Gisela Degen